Uke Waza (Blocktechniken) - Das größte Missverständnis in den Kampfkünsten

Stellt man in der Karate-Szene bzw. in den japanisch stammenden Kampfkünsten im Allgemeinen die Frage nach der Übersetzung bzw. Bedeutung von Uke Waza, so erhält man meistens dieselbe Antwort; Uke Waza sind Blocktechniken.

 

Traditionelle Kampfkunst - eine leere Hülle?

 

Da mein Weg im Karate in einem durchaus „traditionellen“ Dojo begann, waren neben Kihon und Kata, verschiedenste Kumite Formen mein grauer Alltag. Wenn ich heute darüber nachdenke, was ich damals alles „geblockt“ habe, stellen sich mir die Nackenhaare auf. Ein Phänomen, welches sich aber nicht nur auf das Dojo aus meiner Kindheit erstreckt. Erschreckenderweise ist das  Blocken in der heutigen Karate- und Kampfkunstszene allgemein noch sehr verbreitet.

 

„Blocken“ ist eben ein wichtiger Teil im Karate. Ist doch ganz logisch…immerhin sind eine Vielzahl der Bewegungen, welche im Kihon und in der Kata ausgeführt werden, Blocktechniken.

  • Age Uke – nach oben blocken 
  • Uchi Uke – nach außen blocken (oder nach innen, je nach Stilrichtung)
  • Morote Uke – der unterstützte Block

Ich könnte diese Liste noch ewig weiterführen, aber ich denke, ihr wisst wovon ich rede ;-)

 

Gerade weil in der Szene so viel mit Blocktechniken gearbeitet wird, sollten wir uns einmal die Zeit nehmen, um das entsprechende Schriftzeichen 受け, genauer zu untersuchen.

 

Blocken oder Empfangen?

 

Übersetzt man das Wort „Uke“ bzw. das Schriftzeichen 受け, so stellt man fest, dass es mehrere Bedeutungen hat. Die gängigsten Übersetzungen sind:

  • Empfangen 
  • Annehmen 

Sollte nicht wie ursprünglich angenommen, die korrekte Übersetzung des Wortes Uke, Block lauten…? Nun ja, festzuhalten ist, dass Uke in keinster Weise mit Block zu übersetzen ist.

 

Einen Angriff zu blocken bedeutet, auf diesen hart einzuwirken und wegzuschieben.

  

Empfängt man einen Angriff akzeptiert man diesen. Man nimmt ihn auf, nutzt ihn für sich, um dann entsprechend den eigenen Konter auszuführen.

  

Meiner Meinung nach ist das Entgegennehmen eines Angriffs der authentischere und vor allem realistischere Weg. Einen realistischen Angriff zu blocken ist kaum möglich und bietet nur wenige Vorteile.

 

Wie schnell kannst du sein?

 

Wie wir alle wissen, erfolgen Angriffe wie z.B. ein Schlag ins Gesicht, ein Schwinger, ein Tritt, ein Griff ins Revers immer auf eine Zeit.

  

Eine Blockbewegung, wie zum Beispiel die des Aufwärtsblocks, hat aber immer zwei Zeiten, bzw. zwei Bewegungen. Eine Zeit um für den Block auszuholen (oft ist auch von der Vorbereitung die Rede) und die zweite Zeit, um die eigentlich Blockbewegung auszuführen.

  

Genau in dieser Herangehensweise liegt der Fehler!

  

Egal wie schnell wir die vermeintliche Blockbewegung auch ausführen, der Angriff wird jedes Mal sein Ziel erreichen, allein schon weil die Angriffsbewegung immer in einer Zeit bzw. in einer Bewegung ausgeführt wird, die Blockbewegung zwei Zeiten bzw. zwei Bewegungen benötigt.

  

Karate ist eine zivile Form der Selbstverteidigung. Das bedeutet, Karatetechniken zeigen uns wie man mit alltäglichen Angriffen umzugehen hat. Blocktechniken sind hier das falsche Mittel. Wie wir in der Übersetzung des Wortes Uke gesehen haben, entsprechend war es im Karate nie vorgesehen, einen potenziellen Angriff zu blocken und den Angreifer dann zum Beispiel mit einer weitere Technik zu kontern.

 

Sicher gibt es eine Vielzahl von Gründen, auf welche die, heute immer noch praktizierte, Block-, Punch-Anwendungen im Karate zurückzuführen sind. Die Einführung des Karate in den Schulsport auf den Ryukyu Inseln, der Unterricht an den Universitäten in Japan, das Einwirken verschiedener Institutionen in Japan selbst. Näher möchte ich auf diese Punkte gar nicht eingehen, da es den Rahmen dieses Artikels sprengen würde. Außerdem gibt es andere Experten, welche die historischen Zusammenhänge besser wiedergeben können, als ich.

 

Zusammenfassend möchte ich noch einmal betonen, dass „Uke Waza“ keine Blocktechniken sind! Das Wort Uke bedeutet empfangen oder entgegennehmen.

 

Die Rolle des Kyusho Jitsu & Tuite 

 

Uke Waza zeigen dem Karate- bzw. Kampfkunstpraktizierenden, wie man mit alltäglichen Angriffen zum Beispiel einem Schwinger oder Griff am Revers umzugehen hat. Weiter vermitteln Uke Waza Strategien und Prinzipien um Angriffe entgegenzunehmen und diese erfolgreich zu Kontern, um eine lebensbedrohliche Situation zu überstehen.

  

Aus diesem Grund sprechen wir in unserer Kampfkunst Linie (Kyusho Combatives, Kyusho Jitsu Kenkyukai und der Ryukyu Fighting Arts) auch immer wieder von Konter Techniken/“Counters“. Wie wir bereits wissen, ist Konter natürlich die falsche Übersetzung des Wortes Uke, gibt aber sinnesgemäß und bildlich sehr gut wieder, welchen Zweck die Uke Waza verfolgen. Das Annehmen/Empfangen eines gegnerischen Angriffs und des gleichzeitigen oder kurz zeitversetzen Konterschlags, um den Gegner zu Kontrollieren oder kampfunfähig zu machen.

 

Durch das intensive Studium der Uke Waza, erhalten wir das Verständnis über die Anatomie des menschlichen Körpers und dessen Schwachstellen. Wir lernen, wie man die schwachen Stellen des Körpers korrekt schlägt (Kyusho Jitsu) und den Angreifer durch Greiftechniken oder Gelenkmanipulationen mittels minimalen Aufwands kontrollieren kann (Tuite).

 

Hinter der korrekten Ausführung der Uke Waza steckt das Verständnis über die Winkel & Richtung sowie die Art der Aktivierung der Kyusho Ziele (Nerven- und Vitalpunkte). Versteht man die korrekte Ausführung der Uke Waza sowie die Anatomie des Menschen, so entsteht ein einfaches aber praktisches Verständnis darüber, wie die Kyusho Ziele die eigene Kampfkunst bereichern und der Effekt jeder einzelnen Technik um ein Vielfaches gesteigert werden kann.

 

Train hard!